Die Weihinschrift von 1115

Man kann sie leicht übersehen, doch die Weihinschrift von 1115 gehört zu den interessantesten Bearbeitungsspuren an den Externsteinen. Sie befindet sich im Inneren der Hauptgrotte von Felsen I, links vom Eingang. Ernst von Bandel, der Schöpfer des Hermannsdenkmals, hat sie 1838 entdeckt. Sie hat seitdem immer wieder die Forschung beschäftigt. Die hier wiedergegebene Zeichnung hat Johannes Mundhenk 1981 veröffentlicht.

Die Inschrift ist zum Teil kaum zu entziffern und unvollständig. Deutlich lesbar ausgeführt ist nur die erste Zeile, in der zweiten und dritten Zeile sind die Wörter nur vorgezeichnet und die Inschrift bricht nach dem ersten Wort der dritten Zeile ab. Aus verschiedenen Untersuchungen ergibt sich folgende Lesart:

+ANNO AB INC DNI M C XV IIII KL
DEDICATV EST HOC ALTARE A VENE
HEINRICO

Löst man die Abkürzungen auf, so besagt der Text, dass an dieser Stelle „im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1115 an den 4. Kalenden“ ein Altar durch den "ehrwürdigen Heinrich" geweiht worden ist: "dedicatum est hoc altare a venerabili Heinrico".

Der Altar, auf den Bezug genommen wurde, ist nicht mehr vorhanden. Bei dem „ehrwürdigen Heinrich“ wird es sich dem Zusammenhang und der Anrede nach um den damaligen Paderborner Bischof Heinrich II. von Werl handeln, der von 1084 bis 1127 amtierte.

Das Datum ist unvollständig, es fehlt die Monatsangabe. Die 4. Kalenden des Septembers wären beispielsweise der 29. August, die Kalenden selbst der 1. September. Es ist auch nicht auszuschließen, dass die "IIII" zur Jahreszahl gehören, also das Jahr 1119 gemeint war.

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Original oder Fälschung?

Die Inschrift ist offensichtlich das Werk eines Gebildeten, sehr wahrscheinlich eines Geistlichen, der die übliche Textform für Weihevermerke kannte. In der Formulierung entspricht die Inschrift den erhaltenen Kirchweihinschriften Münsteraner Bischöfe von 1074 in Billerbeck und von 1129 in Freckenhorst. Anders als diese ist die Inschrift an den Externsteinen handwerklich allerdings eine laienhafte Arbeit, der Ausführende war kein ausgebildeter Bildhauer.

Der akademische Bildhauer Ulrich Niedhorn hat 1986 Zweifel daran angemeldet, dass diese Inschrift tatsächlich aus dem frühen 12. Jahrhundert stammt. Er hielt sie für eine Fälschung des Spätmittelalters. In einer gründlichen Untersuchung hat Helga Giersiepen von der Forschungsstelle Inschriften der Universität Bonn die Bedenken zurückgewiesen. Die Schrift entspricht den im frühen 12. Jahrhundert üblichen Formen. Auch für die Unvollständigkeit, den unscheinbaren Anbringungsort und die technische mangelhafte Ausführung gibt es Vergleichsbeispiele aus der Zeit. Sie beschloss ihren Vortrag im Rahmen der Externsteine-Tagung im Lippischen Landesmuseum Detmold am 7. März 2015 mit dem Fazit: "Freispruch aus Mangel an Beweisen". Die Vorträge der Tagung werden im nächsten Jahr in Buchform veröffentlicht.

Text: Roland Linde

Literaturhinweise

Johannes Mundhenk: Forschungen zur Geschichte der Externsteine, Bd. 3, Lemgo 1981, S. 102-113

Ulrich Niedhorn: Die „Weihinschrift“ in der unteren Grotte der Externsteine, in: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 55, 1986, S. 9-45

Renate Neumüllers-Klauser: Fragen der epigraphischen Schriftentwicklung in Westfalen (1000-1300), in: Helga Giersiepen u. Raymund Kottje (Hg.): Inschriften bis 1300. Probleme und Aufgaben ihrer Erforschung, Opladen 1995, S. 47-84

Helga Giersiepen: "Original" oder "Fälschung"? Die Inschrift in der unteren Grotte der Externsteine, in: Die Externsteine. Zwischen wissenschaftlicher Forschung und völkischer Deutung. Beiträge der Tagung am 6. und 7. März 2015 in Detmold, Münster / Detmold 2016 (in Vorbereitung)